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Am 28. April ist Workers Memorial Day!

Jährlich rufen Gewerkschaften und Basisgruppen auf der ganzen Welt zum Workers Memorial Day am 28. April auf, um den Opfern unsicherer Arbeitsbedingungen zu gedenken und für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz zu kämpfen.

In Berlin wird es an dem Tag eine Kundgebung um 14 Uhr vor dem Rathaus Neukölln geben.

Einen ausführlichen Aufruf der ASJ Berlin lässt sich im Schwarzen Kleeblatt finden.

HINWEIS: Allgemeine Arbeitsschutzfibel der FAU Berlin ist für 1€ HIER zu haben

Narben der Lohnarbeit

Ein Aufruf zum Workers‘ Memorial Day am 28ten April

Die Arbeit zeichnet uns. Sie ist oft gefährlich, oft erschöpfend, oft ungesund. Nach einem harten Arbeitstag sind es häufig physische und psychische Narben, die uns ungewollt an die Schufterei vom Tag erinnern. Wie gern würden wir doch dem Stress, der Hetzerei, dem Mobbing, für nur einen Feierabend entkommen, das alles einfach ausblenden. Doch so läuft das nicht. Der Druck bleibt da. Nach Arbeitsende bleibt die Angst. Angst vor dem nächsten Anschiss, der nächsten Erniedrigung, oder vor der Kündigung. Schon der bloße Gedanke reicht aus, um in Stress zu geraten. Wir schmeißen uns daher auf die Couch, um in die Glotze starren, Bewusstlos zu werden, uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern zu lassen.
Im Jahr 2010 ereigneten sich in der BRD 1.178.432 Wege- und Arbeitsunfälle, davon 16.564 schwere (Angabe der dguv). Ebenso viele Menschen werden, dort wo einst eine Wunde klaffte, eine Narbe entwickelt haben. Sie werden mit kleineren und größeren Beschwerden zu leben haben. Einige werden noch immer traumatisiert sein. Sie werden von ihrem Unfall psychisch belastet sein, werden sich fürchten wieder an den Ort des Geschehens zurückkehren zu müssen – an ihren täglichen Arbeitsplatz.

Narben diagnostizieren!
Die Bedingungen, welche unsere Narben verursachen, sind schnell gefunden: Es sind unsichere Arbeitsbedingungen, mangelhafte Ausbildungen und das Restrisiko gefährlicher Jobs, dass man uns zumutet. Ein Risiko, dass man versucht uns schmackhaft zu machen, indem man es entweder verharmlost, oder es glorifiziert, es als Wert an sich darstellt. So werden riskante Tätigkeiten mit Slogans wie „Jobs für ganze Kerle“ beworben. Eine Werbestrategie, die versucht mittels entsprechender Symbolik an sexistische Idealbilder anzuknüpfen. Manche Berufsfelder, wie solche zur See oder unter Tage, werden dann ganz bewusst als Arbeit in einer Männergemeinschaft beworben. Oft ist es allerdings auch einfach so, dass gefährliche Arbeit romantisiert wird, indem sie so dargestellt wird, als ob sie Raum zur Selbstverwirklichung biete.
Doch wo liegt die Ursache für das ganze Übel? Zum einen ist es der Druck am Arbeitsplatz, das “ Schnell, schnell!“ welches uns aus dem Takt einstudierter und sicherer Arbeitsschritte bringt und die veralteten Geräte an denen man uns arbeiten lässt. Profit lässt sich nun mal nicht erzielen, wenn man teure Sicherheitsstandards einhalten muss. Ein Arbeitgebersprecher würde wohl entgegnen: “Aber die Unfallrate am Arbeitsplatz findet doch heute ihren geschichtlichen Tiefststand. Es gibt sowenig Arbeitsunfälle wie nie zuvor.“ Nun, er hat Recht. Doch diese Entwicklung offenbart keinen roten Faden deutscher Unternehmenspolitik, diese Entwicklung wurde in zähen Auseinandersetzung gegen die Interessen von ArbeitgeberInnen erkämpft.

Narben wieder bewusst machen!
Die Möglichkeit Arbeitsplätze sicher zu gestalten, fällt im derzeitigen Wirtschaftssystem in erster Linie den Chefs zu, doch wie gesagt: Unsichere Arbeit kann sich rechnen und so besteht oft kein Interesse an der Sicherheit der ArbeiterInnen.
Das Interesse der ArbeitgeberInnen an sicheren Arbeitsbedingungen ist ein wirtschaftlich kalkuliertes oder gesetzlich erzwungenes. Im günstigsten Fall, wird sich an die Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaft gehalten. Im ungünstigen Fall interessiert nur, inwiefern mit einem Arbeitsunfall das durchschnittliche Unfallrisiko im Betrieb und damit der Jahrebeitrag an die Berufsgenossenschaft steigt. Die Gefahr am Arbeitsplatz wird auf eine Variable betriebswirtschaftlicher Logik reduziert, die nur wichtig ist, weil sich die ArbeitgeberInnen mit ihr ausrechnen können, inwieweit es sich lohnt Gefahr am Arbeitsplatz zuzulassen. In jedem Fall bleibt das Risiko für die LohnarbeiterInnen ungewiss. Sie sind dem Gutdünken des Chefs ausgeliefert und müssen es hinnehmen, wenn Sicherheitsvorschriften lax gehandhabt werden. So lässt man im Betrieb auch mal unter schwierigen Bedingungen weiterarbeiten, wenn es der zeitliche Druck eines Auftrags verlangt. Wenn dann etwas passiert, sind die ArbeitgeberInnen in der Regel von einer Haftung befreit. Es muss erstmal nachgewiesen werden, dass der Unfall kein Selbstverschulden war. Tritt dieser Fall nicht ein, dann haben die LohnarbeiterInnen nur Anspruch auf Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung.
Es sollte klar geworden sein: Unser Interesse für die Vermeidung unsicherer Arbeitsbedingungen ist ein grundlegend anderes, als das eines Arbeitgebers. Es ist nicht die Angst, die Gefahr, oder das Leid, welches ArbeitgeberInnen zur Vermeidung von Arbeitsrisiken bewegt. Es ist in erster Linie die finanzielle Kalkulation und der gesetzliche Zwang. Doch auch der Druck von uns LohnarbeiterInnen führt dazu, dass Sicherheitsstandards überhaupt als solche anerkannt und wir nicht ausschließlich als Ressource betrachtet werden. Wir LohnarbeiterInnen sind gezwungen ein Spiel auf Messerschneide zu spielen. Ob unsere Arbeitsbedingungen sicher sind, darauf ist kein Verlass. Wir selbst bleiben im Ungewissen, ob unsere Arbeitsbedingungen die notwendigen Standards erfüllen.
Unser Leid ist also ein systhematisches Leid. Wir müssen uns nur die Häufigkeit seines Auftretens bewusst machen. Niemand soll uns erzählen, wir seien ein Einzelfall. Unsere Narben, sind Narben der Lohnarbeit!

Narben sichtbar machen!
Narben verdecken wir oft. Wir tragen sie unter unserer Kleidung oder retuschieren sie. Psychische Narben kennzeichnen wir oft als selbstverschuldete Idiotie oder Verrücktheit. Unter keinen Umständen möchten wir sie offenbart sehen. Denn ob psychisch oder physisch, wir sehen Narben als unsere persönlichen Makel an. Aus dieser Selbstverurteilung, ziehen die Ursachen und Urheber stärke. Sie können darauf spekulieren, dass Narben versteckt und Missstände verborgen bleiben.
Wir, die ASJ-Berlin, rufen euch dazu auf Schluss zu machen mit diesem Maskenball. Weder seid ihr verantwortlich für eure Narben, noch wird euch jemand verantwortlich für diese machen, solange ihr das nicht selber tut. Zeigt eure Narben offen und erklärt euren FreundInnen und KollegInnen woher sie stammen. Der 28. April bietet die Gelegenheit dazu.
An diesem Tag, dem Workers‘ Memorial Day, wird weltweit den durch Arbeitsunfälle verletzten oder umgekommenen ArbeiterInnen gedacht. In Deutschland wurde im letzten Jahr erstmals mit Aktionen und Veranstaltungen seitens der FAU zur Begehung des Tages aufgerufen. In diesem Jahr sollten wir ihn nutzen, um die Logik einer messerscharfen Marktwirtschaft sichtbar zu machen.
Im Jahr 2010 starben allein in Deutschland 886 LohnarbeiterInnen an Wege- und Arbeitsunfällen (Angabe der dguv). Weltweit sterben jährlich etwa 2,2 Millionen Menschen durch Arbeitsunfälle und berufsbedingten Erkrankungen.
Doch wir LohnarbeiterInnen sind keine MasochistInnen, wir wollen nicht in einem System leben in dem aufgrund von Profitstreben das Vermeidbare weiter passiert. In diesem Sinne: „Remember the dead – fight for the living!“