Café 1

Im Juni diesen Jahres fing ich im „Café am Neuen See“, einem Restaurant mit Biergarten im Berliner Tiergarten, an zu arbeiten. Das Wetter war gut, die Saison hatte kurz zuvor begonnen, und man freute sich über jede helfende Hand im Servicebereich.
Ich bekam 6,50€ die Stunde. Da hatte ich Glück, wie mir im Nachhinein gesagt wurde. JedeR bekomme soviel, wie er oder sie aushandeln könne, manchmal seien das unter 6€. Trinkgeld sieht man selten als Servicekraft, da man nicht abkassiert, sondern nur serviert.
Anfangs machte es mir Spaß zu arbeiten. Mitten im Grünen mit vielen jungen KollegInnen. Doch nach einer Weile merkte ich, wie wetterabhängig der Job war. Nicht selten kam ich zur Arbeit wenn es bewölkt und wenig los war und mir wurde gesagt: „Wir haben gerade nichts zu tun für dich, warte noch ein, zwei Stunden, vielleicht kannst du dann ja arbeiten.“
Unbezahlt Rumsitzen, das kam ständig vor. Wenn man nicht beschäftigt genug aussah oder kurz eine Zigarette rauchen wollte, musste man sich auf Pause setzen – und wurde nicht bezahlt.
Hinzu kam, dass man nie wusste, wie lange man arbeiten würde. Hatte man später noch was vor und hatte das auch im Vorhinein angekündigt, musste man sich trotzdem erklären. Häufig kam dann sowas wie: „Na wo willst du denn hin Schätzchen? Hast du noch ein Date?“
Wo wir auch gleich beim nächsten Punkt wären: Die ständigen anzüglichen Bemerkungen und sexistischen Kommentare.
Von Aussagen wie „Räum’ mal hier auf, als Frau hast du da ja ein Gefühl für.“, über „So hält man das Tablett nicht, aber du bist so süß, da ist das schon okay.“, bis zu „Du suchst einen Ständer für den Sektkühler? Ich krieg’ gleich ’nen Ständer, wenn du hier weiter so rumläufst.“
Ich könnte einen ganzen Bericht nur über meine perversen Chefs schreiben, die sich jeden Abend ein anderes Mädchen suchen, das sie abfüllen und mit dem Restaurant beeindrucken wollen.
Die Arbeitsbedingungen setzten noch eins drauf: Bezahlter Urlaub? Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Ich wurde ausgelacht, als ich danach fragte.
Das einzige, was den Arbeitstag erleichterte, waren die Gläser Sekt, die einem die KollegInnen hinter der Bar heimlich gaben. Oder die bezahlte Pause, die man machen konnte, weil man von anderen gedeckt wurde.
Doch der Laden hat eine steile Hierarchie, die eine Vernetzung nur bis zu einem gewissen Level zulässt.
Als Servicekraft konkurriert man durchgängig miteinander und wer am fleißigsten ist, darf vielleicht irgendwann Kellnern und Abkassieren. Kommt man soweit, benutzt man seine Ellenbogen, um sich zu behaupten. Fehler werden auf andere geschoben, im Notfall hat es eine unerfahrene Servicekraft verbockt. So kämpft man sich hoch, bis zur Teamleitung. Je weiter oben man ist, desto schneller wird man bei Fehlern gekündigt, desto angespannter und unfairer gegenüber KollegInnen wird man also.
Überleben kann man da nur, wenn man den Laden nicht zu ernst nimmt. Man kann nur versuchen, sich den Arbeitsalltag so entspannt wie möglich zu gestalten, indem versucht, sich zu vernetzen.
Doch irgendwann konnte ich es mir nicht mehr leisten, für einen lächerlichen Lohn quasi auf Abruf zu arbeiten, tat es vielen meinen KollegInnen gleich und knallte meinen Chefs die Kündigung auf den Tisch.

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