Hurra ich hab’ einen Minijob – denn da mach ich einfach mehr draus! Wirklich?

Es war Ende November 2013 als die Berliner Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) ihre Kamapgne der Öffentlichkeit vorstellte: „Minijob – mach mehr draus!“ Unter diesem Titel will sie MinijobberInnen über ihre Rechte aufklären und Unternehmen davon überzeugen, Minijobs durch Vollzeitstellen zu ersetzen. – Bemerkenswert ist: Die Kampagne redet viel, lässt konkrete Zielsetzungen vermissen und enthält wichtige Tatsachen vor.

Auf einmal hingen sie gefühlt in jedem zweiten U- und S-Bahnhof: Angestellte und UnternehmerInnen warben Seite an Seite mit Weisheiten wie „Als Minijobber habe ich richtig Gas gegeben (…) Das hat meinen Chef überzeugt“ oder „Wir hätten in der Pflege weniger Fachkräftemangel, würden mehr Minijobber Vollzeit arbeiten können“ – Wofür aber standen diese Aussagen genau? Auf den ersten Blick war das nicht klar. Waren sie für Minijobs als Chance? Gegen einen Missbrauch von Minijobs? Oder gar für die Abschaffung jenes Arbeitsverhältnisses?


Ein klare Aussage wird deswegen auch bis heute nicht klar, weil es gar kein klar umsetzbares Ziel der Kampagne gibt. Potential von geringfügig Beschäftigten fördern, sozialversicherungspflichtige Stellen statt Minijobs – so heißt es theoretisch, doch fehlt hinter dieser gut klingenden Absicht faktisch die politische Strategie, das Ziel genügsam umzusetzen.

Um der allzu offensichtlichen Phrasendrescherei der Kampagne dann doch etwas Aktionismus beizustellen, wurde auf Bezirksebene die Schaffung sogenannter Netzwerke eingeleitet, bestehend aus BezirksbürgermeisterInnen und VertreterInnen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Diese klären sporadisch in einzelnen Veranstaltungen über die Rechte von MinijoberInnen auf und organisieren Beratungen bei denen sie Klienten an Jobcoaches oder potentielle Ausbildungsträger weitervermitteln. Jedoch lässt sich gerade hier fragen: Geschieht dies mehr im Interesse der Gesamtheit der Betroffenen oder der jeweiligen Jobcoaches?

Auch für die ArbeitgeberInnen-Seite hat sich die Senatskampagne etwas einfallen lassen: Mit dem Appell an Moral und gesellschaftliche Weitsicht wenden sich die bezirklichen Netzwerke in speziellen Veranstaltungen an UnternehmerInnen und erklären ihnen, weshalb es sinnvoll sei, Minijobs durch reguläre Beschäftigung zu ersetzen. Argumentativ werden dabei alle Geschütze aufgefahren: Von Verbesserung des Betriebsklimas, Sicherung von Arbeits-Know-How im Betrieb über das ungenutzte Potential weiblicher Beschäftigter bis hin zum demografischen Wandel.

Doch nützt das alles nichts, wenn der Minijob nach wie vor aus zwei entscheidenden Gründen für ArbeitgeberInnen bestechend attraktiv bleibt: flexible Arbeitszeiten und Niedriglöhne.

Die bezirklichen Netzwerke sind also in erster Linie symbolischen Charakters, denn sie machen nicht mehr, als den Zeigefinger zu heben. Sie sind bezeichnend für eine Kampagne, die eher einem propagandistischen Selbstzweck dient, als der Einleitung eines tatsächlichen politischen Wandels. Auch wird die wichtige Tatsache nicht genannt, dass lediglich 9 % aller MinijobberInnen den Absprung in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis schaffen. – Vom Minijobber zum Beschäftigten mit Zukunftsperspektive? – Mit dieser seltenen Ausnahme wirbt die Kampagne dennoch vordergründig und schönredend.

Ob mehr aus der Kampagne erwächst bleibt abzuwarten und auch leider zu bezweifeln, da mehr Vorgehen gar nicht vorgesehen ist. Für aufmerksame BeobachterInnen mag die Kampagne auch ohne „fremde Hilfe“ schnell entlarvt gewesen sein, bei einigen hat sie aber vielleicht auch das erreicht, was sie sollte: Das Gefühl erwecken, wahrgenommen zu werden. Das Gefühl erwecken, von einer Senatorin regiert zu werden, die etwas unternimmt.

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