Die Lizenz zum Kranksein

Bundesarbeitsgericht verfügt über Attestfristen im Krankheitsfall. Künftig kann ein Attest schon ab dem ersten Fehltag verlangt werden.

ArbeitgeberInnen können in Zukunft ohne Angabe von Gründen ein Attest am ersten Krankheitstag verlangen. Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt bestätigte dies in seinem Urteilsspruch vom 14.November. Vorausgegangen war die Klage einer WDR Redakteurin, welche versuchte sich gegen entsprechende Auflagen ihres Vorgesetzten zu wehren, nachdem sie in den Verdacht geraten war sich einen Tag freigenommen zu haben ohne Krank zu sein.
Die bisherige Rechtslage ändert sich somit jedoch nicht. Nach wie vor ist ein Attest erst nach drei Krankheitstagen verpflichtend vorzulegen, die ArbeitgeberInnen wurden lediglich nochmals in ihrem Recht bestätigt, ein Attest schon früher verlangen zu können.

*Streiterei im Pressespiegel*
Das Urteil rief gespaltene Meinungen hervor. Zum einen wurden die Erfurter RichterInnen für ihre Entscheidung gelobt. Auf den Meinugsseiten gleich mehrerer Zeitungen forderte man sogar eine allgemein verbindliche Einführung der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. ArbeitnehmerInnen, so die Idee, sollten so davon abgehalten werden, sich nach eigenem Belieben bezahlte Fehltage zu verschaffen. Schließlich sei die Hemmschwelle groß, beim Arzt grundlos nach einem Attest zu fragen. Hinzu käme, dass ArbeitgeberInnen die jetzige Rechtslage ausnutzen könnten, um einzelne Angestellte zu Schikanieren. Erst durch eine einheitliche Handhabung könne dem vorgebeugt und dem Betrieb Ausfälle erspart werden.
Auf der anderen Seite befürchteten KritikerInnen, dass ein zu früh eingefordertes Attest die Zahl der Fehltage sogar noch erhöhen würde. In den vielen Fällen würden ArbeitnehmerInnen sich nur einen Tag lang unwohl fühlen und dann wieder zur Arbeit erscheinen. Bei falscher Diagnose könnten Ärzte aber mehr Krankheitstage verschreiben als nötig, und dann würden die Angestellten statt einem, vielleicht drei Tage fehlen.

Flexibel fehlen trotz Gesundheit
In dieser Debatte fällt negativ auf, dass sich beide Seiten argumentativ ausschließlich an den Interessen der Betriebe orientieren. Im Fokus steht, welches Vorgehen den Firmen größtmögliche Gewinne garantiert, aber nicht, welches Interesse ArbeitnehmerInnen an einer längeren Frist für den Krankheitsnachweis haben könnten. Rückt man diese Frage ins Zentrum, fallen weitere Kritikpunkte gegen eine Attestpflicht ab dem ersten Tag gleich ins Auge. Zu nennen wäre unter anderem der zusätzliche Druck, unter dem sich erkrankte MitarbeiterInnen zwischen dem Gang zum Arzt oder zur Arbeit entscheiden müssen (wobei die überwiegende Mehrheit jetzt schon die Arbeit wählt), oder eben auch die Frage ob gesunde JobberInnen sich nicht die Möglichkeit vorbehalten sollten durch Krankschreibung einen bezahlten Fehltag zu bekommen. An sich ein berechtigtes Interesse, für das es gute Gründe gibt. Sie reichen von Beziehungs- und Familienproblemen bis hin zum ganz einfachen Verlangen nach ein wenig Ruhe. Ein subjektiver Standpunkt, mag man einwenden, doch das sind die oben genannten Argumente ebenso für die ArbeitgeberInnenseite.
Soviel steht fest: Eine Verschärfung der Attestpflicht würde einen Schritt weiter zur einseitigen Flexibilisierung der Angestellten führen. Das heißt, während die Arbeitszeiten immer mehr auch bis in die Nacht hineinreichen und die Absprachen zum Dienstplan in vielen Betrieben nur noch kurzfristig getroffen werden, werden die ArbeitnehmerInnen gleichzeitig immer stärker unter Druck gesetzt, das alles bedingungslos mitzumachen. Dass das nicht nur menschlich, sondern eben auch gesundheitlich unverantwortbar ist, zeigen die steigenden Zahlen stressbedingter Erkrankungen in Deutschland.

Verständnis versteht sich im Betrieb
Anlass zur Sorge gibt es bis jetzt jedoch nur bedingt. Schließlich stellt das Urteil vom 14.November wie gesagt keine Neuregelung dar, sondern lediglich eine Bestätigung der bisherigen Rechtslage. Kritisch wird es nur, wenn ArbeitgeberInnen verstärkt von diesem Recht gebrauch machen. Ob das geschieht kann jetzt noch niemand sagen.
Zum jetzigen Zeitpunkt scheint es dennoch wichtig die Trennung zwischen „schwarzen Schafen“ im Betrieb und „wirklich erkrankten“ Angestellten aus den Köpfen zu kriegen. Wer sich bezahlt freinimmt, kann dies auch tun, ohne akut krank zu sein und das sollte gerade innerhalb der Belegschaften selbstverständlich werden. Denn viel zu oft schlägt den Krankfeiernden nicht nur aus der Chefetage, sondern auch von den eigenen KollegInnen Missbilligung entgegen. Ein Umstand der nicht nur um des guten Betriebsklimas willen zu bekämpfen ist, sondern eben auch, weil hier ein ganz falsches Bild von Arbeitsmoral vermittelt wird. Wer mit der Prekarisierung des eigenen Alltags nicht schritthalten kann, soll sich deswegen nicht schämen müssen, sondern etwas dagegen tun. Und das ist viel leichter, wenn man auf die Hilfe eines/einer verständnisvollen MedizinerIn genauso hoffen kann, wie auf das Entgegenkommen der eigenen KollegInnen.

Weitere Fakten rund um die Attestpflicht:

– _Tarifverträge können die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag ausschließen. Informiert euch also, ob ihr unter einen solchen fallt.
– Wenn ihr Krank seid, müsst ihr nicht zwingend im Bett liegen bleiben. Solange ihr keiner ärztlichen Verordnungen widersprecht, oder eurer Genesung direkt entgegenwirkt, dürft ihr praktisch alles machen, vom Einkauf bis zum Kinobesuch. Solltet ihr dabei zufällig auf euren/eure Vorgesetze/n treffen, müsst ihr euch deswegen nicht schämen oder rechtfertigen.
– Fordert euer/eure ArbeitgeberIn ein Attest für den ersten Krankheitstag, müsst ihr diesen nicht einbringen, wenn ihr nicht in der Lage seid das Haus zu verlassen (z.B bei einer Magen-Darm Erkrankung). Ihr müsst lediglich bescheid sagen, dass ihr nicht zum Arzt gehen könnt.
Die Nachweispflicht kehrt sich damit um und euer/eure ChefIn muss dann erstmal beweisen, dass ihr doch in der Lage gewesen seid ein Attest einzuholen._

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